Ähm – Oje

Pünktlich wie ein schweizer Uhrwerk sind sie. Im Sommer ziehen sie um 08.20 Uhr an unserem Haus auf Godøya vorbei, um dann gegen 09.50 Uhr erneut aufzutauchen. Dann gilt es nämlich, den sommerlichen Abstecher nach Geiranger in Angriff zu nehmen. Gut 4 Stunden dauert die Fahrt in den bekannten Geirangerfjord, der im Sommer ja zudem noch von zahlreichen Kreuzfahrtschiffen angesteuert wird.

Natürlich haben wir auch längst beschlossen, die Reise entlang der norwegischen Küstenlinie von Bergen bis hinauf nach Kirkenes irgendwann einmal zu absolvieren. Aber dafür braucht es etwas Zeit, Ruhe und damit auch Muße. Dinge, die im Berufsalltag und mit schulpflichtigen Kindern nicht so einfach anzutreffen sind.

Warum also nicht einfach mal eine Hurtigruten-Schnuppertour unternehmen? Die Zeit war günstig, denn die Kids verweilten noch im verlängerten Urlaub in Deutschland und das Wochenende stand vor der Tür. Zudem bietet nur Ålesund im Sommerhalbjahr die einzigartige Möglichkeit, eine landschaftlich sehr reizvolle Tagesfahrt mit einem der Hurtigrutenschiffe zu absolvieren. Denn das Schiff kommt nach dem Besuch im Geirangerfjord nochmals nach Ålesund zurück, bevor es dann weiter gen Norden reist. Ein kurzer Blick auf den Wetterbericht am Freitag-Abend vereinfachte die Entscheidung einer spontanen Tagesreise für den darauffolgenden Samstag. Am Morgen sollte es zwar noch bewölkt sein und vielleicht auch etwas regnen, aber ab dem späten Vormittag sollte die Bewölkung dann mehr und mehr auflockern. So jedenfalls die Voraussage. Wir buchten sofort und freuten uns auf den Samstag.

Zur Information: Die Kystlinje – im Volksmund auch Hurtigrute genannt – wird vom norwegischen Staat subventioniert und ist daher nicht nur eine touristische Schiffspassage. Es handelt sich vielmehr um eine traditionelle Postschiffroute, die bis hinauf ins Eismeer führt und neben Gütern auch Fahrzeuge, Reisende auf Teilstrecken und eben auch Touristen befördert. Das Buchen von Teilstrecken ist seit 2018 nur noch über die norwegische Internetseite der Hurtigruten buchbar (Menüpunkt „Havn til Havn“).

Der Samstag jedenfalls begann, wie er beginnen sollte: Mit dem Aufstehen und dem obligatorischen Blick aus dem Fenster. „Ähm – Oje“ war alles, was meine Frau zu dem, was sie da sah, zu sagen hatte. Das „etwas Regen“ stellte sich in der samstäglichen Realität als wahrhaftes Sauwetter dar. Dunkle Wolken hingen tief und bedrohlich über dem Breisund. Es schien, als hätte es sich richtig eingeregnet. Auch der Wetterbericht hatte das mitbekommen. Nun prognostizierte er Regen für weite Teile des Tages.

Also Regenjacken einpacken und los ging es zum Hurtigruten-Anleger in Ålesund. Die MS Nordkapp war schon im Landeanflug, als wir den Anleger am Skansekaia erreichten. Fast sah es aus, als wollte der Kapitän das Schiff direkt in den verglasten Warteraum hineinmanöverieren. Er entschied sich dann doch anders und schon wenig später waren wir an Bord.

Nach einer kurzen Erkundungstour legte die MS Nordkapp auch schon ab. Der Regen hielt sich zwar noch in Grenzen, dennoch war es sehr trüb und nicht sehr fotogen. Trotzdem fanden wir ein trockenes Plätzchen direkt unterhalb der Brücke, von wo aus wir die Einfahrt in den Sulafjord verfolgten. Erstaunlich leise gleitet die MS Nordkapp an den Fähren Sulesund-Hareid und Sulavågen-Festøya vorbei. Der malerisch schöne Hjørundfjord zweigt hier rechts ab. Wir jedoch fahren – jetzt im Storfjord – weiter, passieren die Fähre Magerholm-Sykkylven und schwenken kurz darauf vor der Ortschaft Sjøholt scharf nach Süden. Von hier aus ist es nicht mehr weit bis zum kleinen Weiler Dyrkorn, wo sich die tiefste Stelle des Storfjordes (686m) befindet.

Da der Regen mittlerweile stärker wurde, zogen wir uns in die Cafeteria zurück, wo wir bei einer Tasse Kaffee die Landschaft bzw. die Ortschaft Stordal vorbeiziehen sahen. Anschließend fanden wir einen schönen Platz in der Explorer Lounge. Von hier aus verfolgten wir die weitere Route. Steuerbords taucht die Ortschaft Stranda aus. Die Seilbahn auf den Roalden, die zum Skigebiet Strandafjell gehört, ist aufgrund der tiefhängenden Wolken nicht erkennbar. Nun gabelt sich der Fjord. Während der Norddalsfjord Richtung Osten abzweigt und später in den Tafjord übergeht, verbleibt die MS Nordkapp auf Südkurs und biegt in den Sunnylvsfjord ein. Der 26 Kilometer lange Nebenfjord verengt sich zusehends und die Berge an beiden Uferseiten werden deutlich höher. Kurz vor dem Ende des Sunnylvsfjord, schon in Sichtweite der kleinen Ortschaft Hellesylt, taucht auf der rechten Seite die etwas unscheinbar wirkende Bergflanke Åkneset auf. 

Wie schon in einem anderen Blogeintrag ausführlich beschrieben, sind hier fast 54 Millionen Kubikmeter Fels in Bewegung geraten, die in den Sunnylvsfjord zu rutschen drohen. Eine gigantische Flutwelle wäre die Folge. (Link: „Paradies auf Zeit“)

Gegenüber der Åknes-Flanke zweigt auch schon das Ziel der Schiffsreise ab. Der Geirangerfjord ist noch deutlich schmaler als der Sunnylvsfjord und es wirkt, als versinke das Schiff zwischen den bis zu 1.700m hohen Bergen, die sich seitlich des Fjords auftürmen.

Etwa 5 Kilometer nach dem Fjordeingang kommt der erste von 3 mittlerweile stillgelegten Fjordhöfen ins Blickfeld. Der Blomberg Hof liegt 452 Meter oberhalb des Wassers und seit 1947 unbewohnt. Mittlerweile restauriert ist er, wie die beiden anderen Höfe auch, nur vom Wasser her erreichbar. Bevor aber der zweite Hof sichtbar wird, erscheinen beiderseits des Fjordes zwei markante Wasserfälle. Auf der Nordseite sind es die berühmten «syv søstre» (=Sieben Schwestern), die um diese Jahreszeit eher aus 4 Rinnsalen bestehen. Auf der gegenüberliegenden Seite rauscht der Friaren, also der Freier in die Tiefe. Der Sage nach bat der Freier jede der sieben Schwestern, seine Frau zu werden. Die Schwestern wiesen ihn jedoch zurück. Daraufhin griff der Freier zur Flasche und verfiel dem Alkohol.

Unmittelbar neben den sieben Schwestern befindet sich auf 250m Höhe der Hof Knivsflå, der aufgrund eines instabilen Felsüberhanges 1898 aufgegeben wurde. Der Skageflå ist indes der bekannteste der stillgelegten Gehöfte. Er liegt auf der Südseite des Fjordes und seit 1917 unbewohnt. Er wurde bereits von Königin Sonja besucht, die hier schon öfter bei einer ihrer teils ausgedehnten Wanderungen von verblüfften Wanderern angetroffen wurde.

Als die Kehren der Adlerstraße erkennbar wurden, war Geiranger so gut wie erreicht. Die MS Nordkapp wendete und stoppte kurz, um Landausflügler abzusetzen, die von hier in einer 8-stündigen Bustour via Valldal, Trollstigen und Åndalsnes bis nach Molde reisen können, um dort wieder auf das Schiff zu treffen. Für und jedoch bleib keine Zeit, um einen kurzen Spaziergang durch Geiranger zu unternehmen. Kaum hatte das Tenderboot von der MS Nordkapp losgemacht, fuhren wir auch schon wieder los.

Das Wetter hatte zwischenzeitlich etwas aufgeklart. Zeit, um nochmals die Cafeteria auf Deck 7 zu besuchen. Ruhig ging es zu, während die Landschaft wieder majestätisch an uns vorbeizog.

Und als die MS Nordkapp um 18.15 Uhr wieder in Ålesund anlegte, hatte uns der hektische Alltag alsbald wieder. Schade eigentlich.

Dirk, 08.08.




2 Kommentare

  1. Hi Dirk,
    na, da hast du als Dellwe-Norge endlich mal das Nordkap besucht; war auch an der Zeit! Die Tour mit dir als Profi-Guide war aufschlussssreich! Als du am Ende der Landtour dein derzeitiges (hoffentlich noch langes) Domizil auf der Anhöhe von Alesund präsentierte, waren nicht nur wir zwei „Heckebick“, in besonderem Maße auch die „Frei“(!)-Frauen unseres Restauranttisches von deiner profund-schwärmerisch erzählten Geschichte Alesunds begeistert! Ergo: Unser näherer Bekanntenkreis ist nach Inaugenbscheinnahme der Nordtour-Fotos & -videos insbesondere nmotiviert mit der Dirk-Trollstiegen Busrtour ins Auge zu fassen! Das dann deine Schuld!
    Mach’s gut mit Gruß an die Familien hüben & drüben; bis dann bei Stohle, gelle?
    Gitta & Manni

    • Hallo und schoene Gruesse. Es war wirklich eine aussergewoehnlich schoene Tour mit Euch Albatros-Passagieren. Mit der Werbung, die Du da fuer Phoenix gemacht hast, sollte es naechstes Jahr eine“Heckebick“-Invasion hier geben 🙂

      Freue mich drauf.

      Viele Gruesse

      P. S. Wird hoechste Zeit, mal auf Deine Mail zu antworten. Mach ich noch heute Abend, versprochen.

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