Jetzt ist er weg

Der 9. August ist der Tag, mit dem das Jahr 2018 in die Jahresstatistik von Jan Arild Hagen eingehen wird. Ganz sicher aber ist er sich nicht. Denn ein Restzweifel bleibt, ob es nicht doch schon am Tag zuvor passierte. Sicher ist aber, dass für das Jahr 2017 der entscheidende Eintrag bereits am 17. Juli erfolgte, also gut 3 Wochen früher.

Doch um was geht es eigentlich? Ab dem späten Frühling beobachtet Jan Arild jedes Jahr intensive das Sulafjell und führt Buch, an welchem Tag exakt der letzte Schnee des vergangenen Winters verschwindet. Das Sulafjell gehört zu Gemeinde Sula, einer Nachbarkommune Ålesunds. Der höchste Berg hier ist der Vardane, 776m hoch, aber auch das Grøthornet, oder der Vassbakken sind nennenswerte Erhebungen.

Das Sulafjell liegt südlich von Ålesund, quasi direkt gegenüber des Stadtzentrums auf der anderen Seite des Borgundfjordes. Dadurch hat Jan Arild einen freien Blick direkt auf die nördliche Flanke der genannten Berge. Und so beobachtet seit nunmehr fast 60 Jahren ab dem Frühjahr, ob und wann der Schnee auf dem Sulafjell endgültig seinen Aggregatzustand ändert. Und das ist gemäß genauer Aufzeichungen sehr unterschiedlich.

Seinem geschulten Blick entgeht (fast) nichts. Immerhin führt er diese Statistik schon dem Jahre 1960. Angefangen indes hatte alles mit einem Rechtsanwalt. Der hatte nämlich bereits um das Jahr 1920 mit vergleichbaren Aufzeichnungen begonnen, indem auch er das Sulafjellet von seinem Bürofenster aus beobachtete. Eine allzu geschäftige Reinigungskraft verkannte allerdings die Bedeutung dieser Papiere und warf sie kurzerhand in den Abfall. Somit gingen die Aufzeichungen für den Zeitraum 1920-1947 unwiederbringlich verloren. Die Daten, die der alte Rechtsanwalt ab 1947 erhob, existieren dagegen noch. Jan Arild hat sie zwischenzeitlich übernommen und um seine eigenen Beobachtungen erweitert. Und die sind immerhin so interessant, dass es der hiesigen Regionalzeitung «Sunnmørsposten» noch jedes Jahr wieder ein eigener Bericht wert ist.

In manchen Jahren ist es aufgrund der Wetterlage nicht ganz einfach, den Tag, an dem der letzte Schnee verschwindet exakt zu bestimmen, denn es kommt hie und da mal vor, dass sich der Nebel tagelang zwischen den Bergen festklettet und sich einfach nicht verziehen will. Die Aufzeichungen aber dokumentieren, wie unterschiedlich sich die Verhältnisse von Jahr zu Jahr darstellen. So verschwand der Schnee im Jahr 1960 schon am Sankthans-Tag, also dem Samstag nach der Sommersonnenwende am 21. Juni. Im Jahre 2000 dagegen war es erst der 30. November und es dauerte nicht lange, bis der erste Neuschnee schon die Basis für das Jahr darauf legte.

15 mal verzeichnete die Statistik sogar überhaupt kein Datum, denn der letzte Schnee war noch gar nicht getaut, da begann bereits der nächste Winter. Dies geschah letztmalig vor knapp 30 Jahren.

Doch wie heißt es so schön: Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Genau nach diesem Motto nämlich versuchte ein durchtriebener Ålesunder, Jan Arild und seine Aufzeichnungen zu manipulieren, indem er ein großes Laken auf dem Sulafjell auslegte, welches Schnee simulieren sollte. Die Sabotageaktion fiel erst auf, nachdem der «Schneefleck» bei starkem flatterte. Jan Arild behauptet zwar, dass dieser Betrugsversuch seine Statistik nicht beeinflusste, dennoch ging der Fall durch die Presse und der gemeine Täter seither als Lakenmann in der Ålesunder Stadtgeschichte verewigt.

Selbst übrigens war Jan Arild gemäß dem Bericht in der Sunnmørsposten noch auf dem Sulafjell. Auch die Einladung auf eine Helikoptertour über das Sulafjell hat er dankend abgelehnt. Aber was nicht ist kann ja noch werden.

Dirk, 16.08.




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