Weiterbuddeln oder nicht??

Ja, es gibt sie: Großprojekte, die nicht so optimal laufen. Und es gibt sie in der ganzen Welt. Die Elbphilharmonie, der Berliner Flughafen oder Stuttgart 21 sind wohl Jedem ein Begriff, wenn es um Beispielfälle aus Deutschland geht. Aber auch anderswo laufen Planungen aus dem Ruder, wie sich hier in Sunnmøre gerade eindrucksvoll zeigt.

Worum geht es? Die zur heutigen Haram-Kommune bzw zur Sandøy-Kommune gehörenden Inseln Lepsøy, Haramsøy, Flemsøy, Fjørtoft, Harøy und Finnøy sollen mittels einer insgesamt 37 Kilometer Straßenverbindung an das Festland angebunden werden. Die gerade einmal etwa 2.700 Einwohner der genannten Inseln sind bislang auf Autofähren bzw. das Personenschnellboot (Hurtigbåt) angewiesen. Daher war der Jubel groß, als das Fylke (=Bundesland) Møre og Romsdal im Dezember 2016 nach zähen Diskussionen den Daumen nach oben reckte und somit den Bau dieses Megaprojektes genehmigte.

Bodenuntersuchung am Nordøyvegen

Die erste kalte Dusche folgte allerdings kurze Zeit später, als bekannt wurde, dass die Maut für die Befahrung auf 131 Kronen pro Durch- bzw. Überfahrt betragen solle. Selbst unter Berücksichtigung diverser Anwohnerrabatte bleibt eine Summe von 105 Kronen. Dies ist deutlich teurer als die Benutzung der Fähre, noch dazu unter dem Gesichtspunkt, dass Viele ein Auto auf dem Festland stationiert haben und dadurch die Überfahrt sehr günstig als Fußgänger auf sich nehmen. Etwa 20 Jahre sollen die Inselbewohner also nun zur Finanzierung des mit 3,8 Mrd (=ca. 400Mio Euro) Kronen veranschlagten Projekts beitragen.

Illustration

Gebaut werden sollen dafür 3 Brücken von 110-800m Länge, 3 Unterseetunnel (3.500m, 5.730. und 3.680m lang), einen kurzen Tunnel (170m lang) und ein paar neue bzw. verbreiterte Strassen.

Baugrube am Tunneleingang auf Fjørtoft

2023 sollten die Bauarbeiten dann abgeschlossen sein.

Vielleicht nahmen einige Politiker den Mund etwas zu voll, als sie sagten, das Projekt sei «selbstfinanzierend». Denn Zuschüsse aus dem Nationalen Verkehrsplan, dem Fylke und der Anrainerkommunen, durchaus üppige private Spenden und die Mauteinnahmen ließen die  Finanzierung auf soliden Beinen stehen. Alles gut also, sollte man meinen. Der Baustart am 16. September 2017 wurde mit einem Konzert der in Norwegen sehr bekannten Rockband DDE zelebriert.

Anfang Juni 2018 lagen die Arbeiten im Zeitplan. Die Zufahrtsrampen zum langen Nogvafjordtunnel sind bereits fertig und auch sonst haben die begonnenen Arbeiten tiefe Narben überall in der Landschaft hinterlassen. Mehr als 240Mio Kronen wurden bereits in Planungs- und Vorbereitungsarbeiten investiert, als eine schlichte Zeitungsmeldung verkündet, dass die eingegangenen Angebote für die Hauptarbeiten schlappe 800Mio Kronen über dem veranschlagten Budget liegen.

Baugrube auf Longva

Es dauerte einige Tage, bis sich die Konsequenz dieser Nachricht wie eine Schockwelle in der Region ausbreitete: Für Mehrkosten in dieser Größenordnung gibt es keinerlei Deckung. Da der Nationale Verkehrsplan bereits verabschiedet ist und sich auch Fylke bzw. Anrainerkommunen nicht in der Lage sehen, die Finanzierungslücke zu stemmen, steht das Projekt nun auf Messers Schneide. Politiker müssen nun entscheiden, ob bzw. wie die Finanzierung gesichert werden kann. Da das Statens Vegvesen (die norwegische Straßenbaubehörde) in dem Schwebezustand keine weiteren Aufträge vergeben darf, stehen die Bauarbeiten am Nordøyvegen so gut wie still.

Zwischenzeitlich hat das Statens Vegvesen die eingegangenen Angebote überprüft und für korrekt betrachtet. Warum die Angebote so deutlich von der ursprünglichen Einschätzung abwichen, konnte das Statens Vegvesen nicht erklären. Ein Experte der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens erklärte im norwegischen Fernsehen, daß die Anzahl der derzeit in Arbeit befindlichen Hoch- und Tiefbau Projekte einen Preisdruck erzeuge und schlug vor, das Projekt zu verschieben. Das allerdings wird nicht einfach, weil dann die Zuschüsse aus dem Nationalen Verkehrsplan erneut bewilligt werden müßten und es dadurch zu weiteren Verzögerungen kommen könne.

Eine Reihe von Politikern plädieren jedoch dafür, dass Projekt zu beerdigen. Die nächsten Wochen werden wohl entscheidend sein, wenn es um die Realisierung des Nordøyvegens geht. Doch andererseits: Was sind schon Mehrkosten von 800Mio Kronen bzw. 85Mio Euro im Vergleich zu den Abweichungen bei Stuttgart21, dem BER oder der Elbphilharmonie?

DS, 30.06.




1 Kommentar

  1. Oh nein, dann war es das mit der Ruhe auf Sandoy 🙁
    Zum einen wäre ich FÜR den Brückenbau, weil die Überfahrten echt viel Zeit fressen. Aber man kennt es dort nicht anders. Viele Baustellen entstehen in letzter Zeit auf der Kommune Sandoy. Sehr interessant, man hatte immer das Gefühl das die Zeit dort langsamer läuft.. aber mittlerweile ändert es sich drastisch. Schade.

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