Bis hierher und nicht weiter

Norweger gelten gemeinhin als friedliebende und entspannte Menschen. Die Harmoniebedürftigkeit der Menschen kann für Ausländer bzw. Einwanderer mitunter regelrecht anstrengend werden. «Det ordner seg», «Det går helt sikkert bra», «Vi få se» oder «Slapp av» sind Redewendungen, die dies zum Ausdruck bringen und die hier in Norwegen deutlich häufiger fallen als ihre deutschen Pendants (das regelt sich, es wird schon gut gehen, wir werden sehen oder entspann’ Dich). Mit Meinungsverschiedenheiten kommt der/die Norwegerin noch ganz gut klar. Bei offenem oder mit harten Bandagen ausgetragenem Streit sieht das anders aus. Genaugenommen weiβ er/sie gar nicht so recht damit umgehen. Doch auf der Insel Haramsøya etwas nördlich von Ålesund lernen die Bewohner es gerade.

Bild: Juliane Weichsel

Aber von vorne:

Bild: Juliane Weichsel
Bild: Juliane Weichsel

Haramsøy gehört zu einer Gruppe von Inseln, die hier in Sunnmøre als Nordøyane (=»Nordinseln») bezeichnet werden. Etwas weniger als 600 Einwohner verlieren sich auf dem knapp 13 Quadratkilometer groβen Eiland, das eine mehr als 2.000 jährige Geschichte aufweist. Mit Wind und Wetter können die Menschen umgehen, denn Wetter ist dort drauβen viel. Im Winter ist es keine Seltenheit, daβ aufgrund Sturms bzw. hohen Wellengangs die Fähre nicht anlegen kann und man vom Festland abgeschnitten ist. «Det ordner seg».

Haramsfjell, Bild: J. Weichsel
Leuchtturm Ulla Fyr

In der Mitte der Insel erhebt sich eine Hochebene. Knapp 350 Meter ist das Haramsfjell hoch. Ein Naturparadies, ein absolutes Idyll. Seltene Vögel brüten hier. Die Aussicht auf das Meer und die benachbarten Inseln ist einfach atemberaubend. Die Insellage hält den Massentourismus weg, man trifft sich Sonntags zu einem Kaffee im Leuchtturm Ulla Fyr. So ungefähr stellt man sich (zumindest bei Sonnenschein) das Paradies vor. Aber leider bietet Haramsøya ein paar attraktive Parameter zuviel: Ein Berg, auf den ein Schotterweg führt, wenig Bevölkerung aber eine funktionierende Infrastruktur, viel Wind und man liegt weit weg von Oslo.

Hoehenvergleich

Eine böse Kombination, die es nicht allzu häufig gibt. Und so begannen vor fast 20 Jahren die Gedankenspiele um eine Windkraftanlage auf dem Haramsfjell. Und das von einem Unternehmen, das (grob gesagt) in der Oslo-Region ansäβig ist, also fast 600 Kilometer entfernt. 2009 ersuchte ein Windenergieproduzent um die notwendige Konzession für den Betrieb von 16 Windturbinen mit einer Masthöhe von je 80 Metern. Die Lokalpolitik lehnte ab. Allerdings lag die endgültige Entscheidung bei der der nationalen Energiebehörde und beim Energieminister, die beide in Oslo sitzen. Und die genehmigten die Konzession. «Det ordner seg», galt auch in diesem Fall.

Bis zur Erteilung einer Baugenehmigung sollte dann noch einige Zeit ins Land gehen. Eine später durchgeführte Planänderung halbierte zwar die Anzahl der Turbinen, verdoppelte aber die Höhe. Noch dazu wurde die Konzession im Laufe der Zeit nach Finland verkauft. Niemand sah die Gewitterwolken kommen und so traf die Baugenehmigung für den Bau der Anlage auf dem Haramsfjell die Menschen wie einen Blitzschlag. Widerstand formierte sich schnell. Die Inselbewohner bündelten ihre Kräfte in einer Art Bürgerinitiative. Moralischen Beistand gab es von überall her. Allerdings steht einem nachdrücklichen Protest die beschriebene Harmoniebedürftigkeit der Norweger  etwas im Wege. Laut bellen ja, aber beiβen…??

Haramsfjell: Hier sollen bald 8 riesige Windturbinen stehen

«Det ordner seg», dachten sich dann auch wohl die Projektverantwortlichen und schickten Ende Mai einen Tieflader, beladen mit einem riesigen Bagger, auf die Reise nach Haramsøy, um die schmale Schotterpiste hinauf auf den Berg für schweres Baugerät herzurichten. Womöglich war es nicht wirklich clever, den Beginn der Bauarbeiten zuvor in der Regionalzeitung anzukündigen, denn als die Fähre am Kai in Austnes anlegte, wurde sie bereits erwartet. Von Mitgliedern der Bürgerinitiative sowie von einer erstaunlichen Anzahl Schüler der benachbarten Kinder- und Jugendschule.

Blockade des Faehranlegers in Austnes

Und dann wurde wirklich geordnet: Fuβgänger und Personenfahrzeuge wurden ordnungsgemäβ von Bord gelaβen. Der Tieflader aber wurde derart blockiert, daβ er die Fähre nicht verlaβen konnte. Polizei war nicht vor Ort, denn mit einer derartigen Eskalation hatte niemand gerechnet.

Das Ganze wiederholte sich in den Tagen darauf. Die Polizei, die seitdem täglich teils mit mehreren Einsatzfahrzeugen nach Haramsøya kommt, wuβte nicht so recht mit der Situation umzugehen. Nach mehreren Tagen aber machte die Staatsmacht unmiβverständlich klar, daβ man nun durchgreifen werde. Der Bagger konnte also übersetzen.

Bagger in Wartestellung

Wer nun dachte, das Problem sei gelöst, wurde eines Besseren belehrt. Die Haramsøyaner denken nämlich gar nicht daran, ihre Berg kampflos herzugeben und rufen offen zu zivilem Ungehorsam auf.

Local Hero: Hans Petter Thue

Jeder Kampf hat seine Helden, so auch in diesem Fall. Denn ein erklärter Gegner des Windkraftprojektes ist Hans Petter Thue. Er wird als freundlicher und ruhiger Mann beschrieben, der ein großes Wissen über das norwegische Recht hat. Und von dem macht er hier Gebrauch. Er macht nichts, was nicht erlaubt ist. Er ist Eigentümer eines Grundstückes, über das die Schotterpiste führt, auf der Baumaschinen und Material auf das Haramsfjell befördert werden sollen. Zwar liegen weder Verwaltung noch Instandhaltung des Weges in der Verantwortung Thues, aber da es sich um keinen öffentlichen Weg handelt, macht er von seinem Eigentumsrecht Gebrauch und campiert seit dem 27. Mai in seinem Auto. Dieses hat er quer auf dem Weg geparkt, ein Durchkommen ist so nicht möglich. Eine verzwickte Situation.

Polizist im Dialog mit H.-P. Thue          Bild: SMP
Thues Campingstelle: Der neue Inseltreffpunkt

Die Polizei hat ihn mittlerweile zum Verlassen der Stelle aufgefordert. Freundlich aber bestimmt machte Thue klar, dass er nicht daran denkt, zu verschwinden. Die Sachlage ist juristisch komplex, griff aber vor allem tief in die Grundlagen einer Demokratie ein. Denn der zukünftige Kraftwerksbetreiber ersuchte die Ålesunder Polizei, die Aktivisten vom Zufahrtsweg – der wie erwähnt Privateigentum ist – zu entfernen. Dabei beruft sie sich auf eine Absprache, die allerdings nicht dokumentiert werden kann. Polizeijuristen untersuchten den Sachverhalt, glaubten den Angaben der Kraftwerksbetreiberkamen und bestimmten darauf hin, daβ der Weg freizumachen sei. Somit griff die Polizei in den Verantwortungsbereich der Gerichtsbarkeit ein und das Chaos war perfekt. Thue aber blockiert weiterhin den Weg. Und sein Rechtsanwalt konstatierte, dass Thue nicht gegen geltendes Recht verstosse.

Die Inselbevoelkerung unterstuetzt Thue

Die Inselbewohner solidarisieren sich derweil und sammelten zwischenzeitlich bereits etwa 13.000 Euro, um den Einkommensausfall Thues abzumildern. Einsam muss sich Thue folglich in seinem Mitsubishi Pajero nicht fühlen, denn sein Übernachtungsplatz ist mittlerweile DER Inseltreffpunkt schlechthin. Noch dazu sind die Proteste zwischenzeitlich sogar Thema landesweiter Medien.

Die Widerstandsbewegung bekam einen ungeheuren Zulauf. Und auch in der Politik zeigen sich mehr und mehr Symphatisanten für die Windkraftgegner auf Haramasøy. Bis ins norwegischen Parlament hat sich der Widerstand gegen die Windkraftanlage auf Haramsøy herumgesprochen.  Bleibt die Frage, wie sich die Dinge in den nächsten Tagen weiter entwickeln und zu hoffen, daβ die Auseinandersetzungen friedlich bleiben. Für Haramsøy kann man sich nur wünschen, daβ die einzigartige Natur so wenig wie möglich Schaden nimmt und das die Windturbinen keine zwischenmenschliche Zerwürfnisse nach sich zieht.

Lage der Windturbinen (jede mehr als 150m hoch)

Für weitere Informationen und aktuelle News zur Situation auf Haramsøya kan man sich in der Facebookgruppe «NEI TIL VINDKRAFTVERK PÅ HARAMSØYA!» anmelden. Die Inselbewohner freuen sich über jede Art von Unterstüztung, denn auf den zu erwartenden Wertverluste fuer Immobilien und Grundstuecke werden die Insulaner wohl sitzen bleiben, sollte die Anlage tatsächlich installiert werden. Von der irreparablen Schädigung der einzigartigen Natur auf Haramsøya ganz zu schweigen.

Zeigt also gerne Eure Solidarität mit der Naturperle Haramsøy und meldet Euch auf der genannten Facebookseite an.

An dieser Stelle einen besonderen Dank an Juliane Weichsel, Jørn Inge Tomren, Andre Röher und Håkon Akselsen, die auf Haramsøya leben und mit Hintergrundinformationen bzw Bildern wesentlich zu diesem Blogeintrag beitrugen.




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