Bak skyen er himmelen alltid blå – Sunnmøre und das Öl

Mit einem Weihnachtsgeschenk der besonderen Art begann das wohl grösste Abenteuer der norwegischen Geschichte, als im Dezember 1969 südwestlich von Stavanger erstmals norwegisches Öl ans Tageslicht gefördert wurde. Seitdem ist nichts mehr wie es war. Norwegen, einst das Armenhaus Europas, entwickelte sich zum „Emirat am Golfstrom“. Dazu gehörten neben der Existenz des schwarzen Goldes auch clevere und weitsichtige Politiker. Clever, weil es den Norwegern gelang, die Grenzziehung entlang des Festlandssockel so definiert zu bekommen, dass der Löwenanteil der Fördergebiete ihrem Hoheitsgebiet zugerechnet wurde. Weitsichtig, weil man die Einnahmen des Ölabenteuers mittels eines Finanzfonds der gesamten Bevölkerung zugänglich machte. Der sogenannte Ölfonds hat mittlerweile einen Wert von aktuell (Stand Januar 2018) umgerechnet ca. 880 Mrd Euro und macht Norwegen zu einem der reichsten Länder des Erdballs.

              Lage der norwegischen Oelfelder

Um das Erdöl fördern zu können, entstand ein riesiger Wirtschaftszweig. Neben der eigentlichen Arbeit auf den Plattformen vor der Küste ist eine umfassende Versorgungslogistik von Nöten. Und hier ist die Region Sunnmøre nach dem Fylke (=Bundesland) Rogaland, welches die Stadt Stavanger inkludiert, der zweitwichtigste Landstrich. Der Bau von Spezialschiffen zur Versorgung („PSV“-Schiffe) oder zur Verankerung von Plattformen („ATHS“-Schiffe), zur Erforschung des Meeresbodens („Seismic“-Schiffe) usw. samt des benötigten Equipments wie Winden, Positionierungssysteme, Antriebsaggregate oder Navigationstechnik ist ein wichtiger Wirtschaftszweig. Werften wie VARD, Kleven oder Ulstein gehören zu den wichtigsten Arbeitgeber der Region. Und natürlich nicht zu vergessen die dahinterliegenden wichtigen Zulieferer wie Rolls-Royce oder FMC Kongsberg. Zudem sind in Sunnmøre eine Reihe grosser Reedereien angesiedelt, welche die oben beschriebenen Schiffe an die Ölfördergesellschaften verchartern (Solstad, Farstad, Havila, …). Und obwohl die Erdölförderung bereits seit 2001 rückläufig ist, stieg der Preis der Rohölsorte Brent unaufhaltsam.

 Dadurch wuchsen auch die Unternehmen des sogenannten Offshore-Sektors und das hatte zur Folge, dass in Sunnmøre zahlreiche Arbeitsplätze für hochqualifizierte Fachkräfte entstanden. Die Einwohnerzahl der Region wuchs (und wächst) stetig und die Arbeitslosigkeit lag mit 1,9% nahe an der Vollbeschäftigung.

Das alles hatte natürlich auch Folgen für das Konsumverhalten der Menschen. Die Privatverschuldung stieg. Kredite waren leicht zu bekommen, denn es gab über viele Jahre keine wirtschaftliche Unsicherheit.

        Preisentwicklung Rohoelsorte Brent                                           (USD/Barrel)

Und dann kam das Jahr 2014. Man hatte sich schon an ein Preisniveau jenseits der 100-Dollar-Marke je Barrel gewöhnt, als die Brent-Notierung an den Börsen der Welt plötzlich nachgaben. Schnell war klar, dass es sich aufgrund verschiedener Parameter nicht um eine kurzfristige Entwicklung handeln würde. Es dauerte nicht lange, bis Instandhaltungsausgaben an den Plattformen auf das nötigste zurückgefahren wurden. Erweiterungsinvestitionen entfielen fast vollständig, so dass sich recht schnell ein massives Überangebot an Versorgungsschiffen entwickelte. In der Folge fielen die Tagesraten für das chartern der Schiffe ins Bodenlose und eine ganze Reihe Reedereien, die ihre Schiffe meist „nur“geleast haben, gerieten in schwere Liquiditätsengpässe. Bis heute liegen nur in Sunnmøre etwa 40 Versorgungsschiffe ohne Aufträge am Kai, in ganz Norwegen sind es derzeit etwa 140. Die Mannschaften mussten entlassen oder auf Kurzarbeit gesetzt werden. Bedenkt man, dass modernes Schiff dieser Art einen Anschaffungswert von mehr als 100 Millionen Euro hat, kann man die wirtschaftlichen Einbußen zumindest erahnen.

Die erste echte Wirtschaftskrise hat Sunnmøre immer noch im Würgegriff und das wird auch aller Voraussicht nach noch mindestens bis zum Jahre 2019 so bleiben. Die Arbeitslosigkeit ist mit knapp unter 4% doppelt so hoch wie sonst üblich. Das ist zwar immer noch sehr niedrig, aber es wurde den Menschen klar, dass der einseitige Fokus auf den Öl- bzw Erdgas-Sektor auch seine Schattenseiten hat. Einige Werften haben sich bereits umgestellt. So baut die Kleven-Werft gerade 3 neue Hurtigrutenschiffe und dank der momentan hohen Fischpreise sind auch einige neue Fischtrawler im Bau. Der Tourismus boomt aufgrund des niedrigen Wechselkurses der norwegischen Krone, so dass die Krise bislang von den meisten Menschen recht gut weggesteckt werden konnte. Selbst der von einigen Experten befürchtete Zusammenbruch der Immoblilienpreise, den die meisten Haushalte wegen ihres oft niedrigen Eigenkapitalanteils in eine Überschuldungssiuation bringen würde, ist bislang ausgeblieben.

Alles gut also? Natürlich nicht. Aber gerade an der regengeplagten Westküste Norwegens hält man nich an die alte Weisheit: „Bak skyen er himmelen alltid blå“ (=Hinter den Wolken ist der Himmel immer blau)

 

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